Motown und die Civil-Rights

von Marc Hoinkis

Der Fall George Floyd, der sich am 25. Mai 2020 in Minneapolis zutrug, rüttelte erneut viele Geister wach und bewegte Massen von Menschen auf die Straßen, trotz starker Einschränkungen durch Corona. Er rief erneut ein Thema ins Bewusstsein, das leider immer noch aktuell ist: Rassismus. Im Fall George Floyd endete er, wie für unzählige andere Menschen auch, mit dem Tod. Vor über 60 Jahren ereignete sich aus diesem Anlass in den Vereinigten Staaten die Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement), die nach anderthalb Dekaden mit der Ermordung Martin Luther Kings endete und zögerliche Verbesserungen seitens der Staaten nach sich zog. Das Label Motown und seine Musiker waren darin involviert, wenn auch nicht immer ganz freiwillig.

Motown

Die „Tamla Record Company“ (ein Jahr später „Motown Records“) wurde im Januar 1959 von Berry Gordy Jr. in Detroit gegründet. Der Name Motown setzt sich aus dem Spitznamen der Autostadt Detroit zusammen: Motortown. Das Label erzielte in den 1960er Jahren über 70 Platten in den Top Ten der Billboard Charts und über 100 Top Ten Hits. Motown sollte mit über 45 Einzellabels zum größten Medienkonzern der USA werden, der sich im Besitz eines Afroamerikaners befindet. Die Notwendigkeit, in diesem Kontext über die Herkunft des Label-Chefs zu sprechen, zeichnet ein erstes Bild der damaligen Lage.

Klangliches Mojo

Der Motown Sound ging als solcher in die Geschichte ein und beschreibt ein stilistisches Konzept der Soulmusik. Mit den ersten Bands des Labels wie den Marvalettes oder den Miracles stand das Unternehmen in der Tradition der vom Gospel beeinflussten Rhythm&Blues-Vokalgruppen aus den 1950er Jahren. Das legendär gewordene Autoren- und Produzententeam Holland-Dozier-Holland legte die Grundlagen für den „Motown Sound“: komplexe Rhythmik im 8/8-Takt, welche die ungeraden Achtel betonte und dadurch einen tanzbaren Swing-Charakter erzeugte. Dazu kamen eine ausgeprägte Percussion-Sektion und ein lebendiger Bass. In Verbindung mit dem Prinzip Call and Response entstand eine außergewöhnliche Mischung aus Gospel und Pop. Motowns Hausband, Earl Van Dyke & the Funk Brothers, wurde später durch ausgiebige Streicher-Arrangements komplettiert, woraus das Produzententeam H-D-H ein vielschichtiges Klangbild erzeugte. Die Songs vermieden musikalische Standardformen und waren eher zyklisch aufgebaut, so dass sich Schlüsselmelodien und Refrains unablässig wiederholten. Der „Motown Sound“ trug maßgeblich zu einer Label-Identität bei, die ein wichtiges Wiedererkennungsmerkmal werden sollte.

Unfreiwillige Rebellion

„Gordy bemühte sich, die Rassentrennung mit Musik zu überwinden, die alle Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, berühren konnte.“ So lautete die Ehrung, die Berry Gordy Ende der 1980er Jahre bei seiner Aufnahme in die Hall of Fame zuteil wurde. Und es stimmt: Gordy wollte seine Musik für jeden zugänglichen machen. Dennoch war er für seine strikte Firmenführung und eine eher geduckte Haltung politischen Statements gegenüber bekannt, wie Cord Jefferson im New York Public Radio beschreibt: „Berry Gordy's Motown Label entschied sich bewusst dafür, unpolitisch in seiner Musik zu bleiben, die meistens aus frisch-fröhlichen Liebesliedern einer rein schwarzen Künstlertruppe bestand. Aber dann kam Dancing in the Street.“

Der Ort vieler Motown-Aufnahmen: Studio Hitsville
Studio Hitsville

Martha Reeves, Frontfrau der Motown-Gruppe Martha & the Vandellas, beschrieb ihren Sommer-Hit aus dem Jahre 1964 als Party-Hymne, als nettes Liedchen, zu dem man feiern und Spaß haben kann, egal wo man sich befindet. Protestierende sahen das anders. Sie begannen, bei Kundgebungen diesen Song zu spielen, bevor sie ihre Ansprachen an das Publikum hielten. Die afroamerikanische Aktivistenzeitschrift Liberator zitierte 1965 Zeilen aus diesem Song. Schlagartig wurde „Dancing in the Street“ mit einem Aufruf zum Protest in Verbindung gebracht. Die unweigerliche Assoziation mit Gewalt, die sich in dieser Zeit daraus ergab, bedrückte die Sängerin; die Intention hinter dem Song sei es, durch Liebe ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

Soziale Kommentare

Berry Gordy wollte sein Label einem weiten Publikum öffnen und bemühte sich, kontroverse Themen weit zu umgehen, daher finden sich in den frühen Motown-Songs wenige gesellschaftlich relevante Themen wieder. Anfang der 1970er Jahre verstießen Motown Kunstschaffende gegen Berrys restriktive Haltung und vertonten soziale Kommentare: The Temptations lieferten 1970 mit ihrem Hit Ball of Confusion bedeutete eine klare Ablehnung des Vietnamkrieges und Marvin Gaye setzte ein Jahr später mit seinem Album „What's Going On“ ein musikalisches Monument, das die herrschenden sozialen Probleme seiner Zeit wiedergibt.

Das „Black Label“

1970 rief Berry Gordy das „Black Label“ ins Leben, auf dem Reden, Gedichte und Geschichten schwarzer Persönlichkeiten veröffentlicht wurden, darunter Margaret Danner, Rev. Dr. Martin Luther King und Langston Hughes. Ziel war es, Aufklärungs­arbeit für die Öffentlichkeit zu leisten und die Klänge der Bürgerrechtskämpfe für nachfolgende Generationen auf Platte zu bannen. Doch auch diese wichtige Entscheidung benötigte einiger Überzeugung seitens Ewart Abner und Junius Griffis, die ebenfalls in das Label involviert waren. Sie arbeiteten gegen Gordys Bedenken an, Motowns Erfolg könne unter der zunehmenden Politisierung leiden und setzten sich letztendlich durch. Gordy zeigte sich einsichtig und ergriff schließlich Eigeninitiative: Verschiedene Motown Acts spielten bei Benefiz­veranstaltungen für die Bürgerrechts­bewegung und er selbst führte Gespräche mit Coretta Scott King, der Witwe Rev. Kings.

Musikalische Gegenwehr

„Wir repräsentierten ein soziales Umfeld, das sich veränderte“, erinnerte sich Mary Wilson, Sängerin der Supremes, im Jahre 2009. „Die Erfahrungen, die wir durch unsere Hautfarbe machten, war, dass wir keine echten Bürger waren und vor getrenntem Publikum spielen mussten. Als sich dies zu verändern begann, fühlte es sich wirklich so an, als würden wir etwas Bedeutendes tun.“

Musik ist heutzutage für jeden zugänglich und die internationale Sprachbarriere deutlich geringer als vor sechs Dekaden. Aktuelle Ereignisse zeigen, dass Probleme, die nicht nur sechzig, sondern Hunderte von Jahren alt sind, immer noch akut in unserer Gesellschaft auftreten. Was sagt uns das? Musik ist nach wie vor ein mächtiges Mittel und kann zur Lösung von Problemen beitragen. Bezeichnend der Spruch auf Peter Segers Gitarre: „This machine kills fascist“. Um mit einem weiteren friedlichen Rebellen zu enden, der ebenfalls in den 1960er Jahren aktiv gegen Rassismus und Krieg musizierte: „Ein Vorteil von Musik: Wenn sie einen trifft, spürt man keinen Schmerz“ (Bob Marley).